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Bauhaus 1:100 Mies van der Rohe Pavillon Barcelona

Michael Wesely ist ein Zeitmesser, ein Zeitfänger. Seine Fotografie zielt nicht auf den flüchtigen
Moment, auf die Dramatisierung des Augenblicks, sondern ganz im Gegenteil auf die Dokumentation der
Dauer, die Augenblicke im Fluss sammelt und sich in einem Bild schichten und verdichten lässt. Wesely
dehnt in seine extremen Langzeitbelichtungen den fotografischen Prozess bis an die Grenze des Möglichen
und macht so Zeitlichkeit und Veränderung auf eine faszinierende Weise visuell erfahrbar.
Das Bauhaus wird 100 und 100 Jahre sind eine lange Zeit. Nicht der Moment der Entstehung hat das Bauhaus
überleben lassen, sondern die langen Jahre seiner spektakulären Rezeptionsgeschichte haben den Ruhm und die
Wirkmächtigkeit der längst untergegangenen Institution immer mehr gesteigert. Selten in der Kunstgeschichte
hat es einen künstlerischen Ansatz gegeben, der so lange nach seiner Entstehung immer noch als Inbild der
Modern gilt. Kandinsky, Klee, Albers, Gropius und Breuer und all die anderen gerühmten Künstler gelten noch
heute als modern, obwohl ihre Schaffenskraft seit Jahrzehnten erloschen ist. Diese Aktualität der historischen
Formensprache macht die Auseinandersetzung mit dem Bauhaus heute noch so faszinierend und ergiebig.
Die 100 Jahre, die inzwischen vergangen sind, umspannen eben fast das gesamte 20. und den Beginn des
21. Jahrhunderts und damit den historischen Zeitraum, der unsere Gegenwart zutiefst geprägt hat.
Mit seinem Projekt 1:100 greift Michael Wesely das Thema vergehender Zeit auf. Der Künstler sucht sich ideale
Standorte für seine Kameras, die dann aus dem Inneren der Bauhaus-Bauten in die Umgebung schauen. Sie
werden für 365 Tage fest installiert und folgen der vergehenden Zeit aus dem Inneren. Sie zeigen nicht die
Ikonen der Moderne von außen, sondern stattdessen öffnen sie den Blick hinaus. Die Architektur bleibt statisch
und die architektonischen „Denkmäler“ werden zum Ort, aus dem heraus der fotografische Blick die Welt und
ihre Zeit einfangen kann. Auch wenn die 100 Jahre unwiderruflich vergangen sind, hat sich die Geschichte an
diesen Orten in Spuren niedergeschlagen und eingeschrieben.
Aus dieser Perspektive setzt Wesely die vergangenen 100 Jahre ins Verhältnis zu einem weiteren Jahr Belichtungszeit
und eröffnet damit durch diese Fotografien einen Rezeptionsraum, ein Spannungsfeld über Kultur
und Landschaft, Geopolitik, die Zeitlosikeit der Bauhausbauten, die steten (wenn auch meist unscheinbaren
Veränderungen) von Gesellschaft und Kulturlandschaft und natürlich zu unserer eigenen Vergänglichkeit als
Beobachter dieser Veränderungen.

 

ENGLISH

Bauhaus 1:100
Michael Wesely is a timepiece, a time catcher. His photography does not aim at the fleeting
moment, on the dramatization of the moment, but quite the opposite, on the documentation of the
Duration that collects moments in a flow and can be layered and condensed in an image. Wesely
stretches the photographic process to the limit of the possible in its extreme long-term exposures
and thus makes temporality and change visually experienceable in a fascinating way.
The Bauhaus will be 100 and 100 years are a long time. The Bauhaus did not come into being at the moment.
but the long years of its spectacular reception history have earned it the fame and reputation it deserves.
The effectiveness of the institution, which has long since disappeared, is increasing more and more. Rare in art history
there has been an artistic approach, which so long after its creation is still seen as the embodiment of the
Modern applies. Kandinsky, Klee, Albers, Gropius and Breuer and all the other famous artists are still valid.
is now considered modern, although its creative power has been extinct for decades. This topicality of the historical
Even today, the language of form makes the confrontation with the Bauhaus so fascinating and productive.
The 100 years that have passed in the meantime span almost the entire 20th century and the beginning of the 20th century.
21st century and thus the historical period that has profoundly shaped our present.
With his project 1:100, Michael Wesely takes up the theme of passing time. The artist looks for the ideal
Locations for his cameras, which then look into the surroundings from inside the Bauhaus buildings. They
are permanently installed for 365 days and follow the passing time from the inside. They do not show the
Icons of modernity from the outside, but instead they open the view out. The architecture remains static
and the architectural „monuments“ become the place out of which the photographic view of the world and the
can capture their time. Even though the 100 years have passed irrevocably, the story has been
and inscribed in these places.
From this perspective, Wesely relates the past 100 years to another year of exposure time.
and thus opens up a space of reception, a field of tension about culture and the
and landscape, geopolitics, the timelessness of the Bauhaus buildings, the constant (albeit mostly inconspicuous)
changes) of society and cultural landscape and, of course, to our own transience as
Observers of these changes.